Veröffentlicht am 2 Kommentare

Skandinavischer Stricksamstag #3

Hei og god dag!

In dieser Rubrik möchte ich euch Einblicke in die “Strickszene” im Norden geben, euch Bücher, Blogs und Instagrammer, Tricks und Trends aus den Gefilden meiner zweiten Heimat vorstellen.

Was mich dazu beruft? Nun, mir wurde eine doppelte Staatsbürgerschaft in die Wiege gelegt (NO / DE), ich habe in Schweden und Norwegen gelebt (spreche und lese beide Landessprachen), habe eine “Leihfamilie” in Schweden, und verbringe gerne Zeit bei ihnen und in den Wäldern um unser Ferienhaus in Skåne/SE.

Diese Werbung für die Welt am Sonntag habe ich vor Jahren mal abfotografiert. Rumsitzen und stricken lohnt sich für mich jedenfalls!

Heute geht es mal nicht um Inspirationen, sondern um eine Debatte die gerade in Norwegen um unser Hobby kreist:

Zeigt der aktuelle Stricktrend einen Rückschritt im Frauenbild?

An Heiligabend 2015 war im Morgenbladet ein Artikel über die Vielzahl der just erschienenen Strickbücher auf dem norwegischen Markt. Zumindest war das auf den ersten Blick das Thema, eine harmlose Besprechung quasi. Im Laufe des Textes wird allerdings klar, dass der Autor nicht die Qualität der Bücher bespricht, sondern Kritik an ihrem Zielpublikum übt (und nicht zu knapp auch an den Autoren). Für ihn sind handarbeitende Frauen ein Zeichen dafür, dass die Emanzipation doch nicht so fortgeschritten ist, wie man gemeinhin denkt.

Dem Ex-Modell, jetzt höchst erfolgreiche Strickautorin, Dorthe Skappel, unterstellt der Journalist geradezu, dass sie jungen Frauen sackartige Wollpullis entwerfe um deren junge Körper nicht mit dem eigenen alternden im direkten Vergleich sehen zu müssen.

Mir persönlich ist egal ob mein Hobby dem Feminismusverständnis eines Mannes entgegen kommt oder nicht. Gerade im Licht der deutschen Mediendebatte über die Silvestervorkommnisse in Köln finde ich aber die Diskussion in Norwegen beachtenswert.

In Köln wurde zuerst eine Empfehlung an Frauen gegeben: Zieht euch nicht zu aufreizend an. Angeblich werde ich durch nordische Strickliteratur zur feminismusverleugnenden Verhüllung meines Körpers indoktriniert. Wie wäre es hiermit:

Gerade weil ich selbstbestimmt lebe, ziehe ich mich an wie es mir passt!  

Im Moment zum Beispiel ist Winter, seit ein paar Tagen sogar richtig, und ich friere. Wenn ich jetzt einen großen, von mir aus nenne ich ihn sackartigen, Pullover anziehe, dann hat das mit Kälteabwehr zu tun. Mir hat niemand eingeflüstert dass dieser Pullover her muss, das habe ich – als erwachsener Mensch – ganz allein entschieden. Für mich ist die Logik nämlich genau andersherum… Gerade weil ich mich nicht als dem Manne unterlegenes Weibsbild sehe, muss ich mich nicht in ein knappes Teil zwängen um endlich mal männliche Bestätigung und Daseinsberechtigung zu empfinden.

Mein Hobby betreibe ich auch nicht um einem Mann das gefällige Frauchen zu sein. Oder unterstellt irgendjemand einem Mann dass er nur gern Fußball spielt weil er seiner Frau das testosterongeladene Gehabe als Teil des Paarungsrituals vorspielt?

Stricken entspannt. Das ist wissenschaftlich bewiesen. Mir macht es außerdem Spaß neue Techniken zu lernen, Sachen auszuprobieren, zu sehen wie ich etwas ganz eigenes schaffe. Hierzu sagt der Herr Schreiberling des Morgenbladet, wir würden ja nur Anleitungen befolgen, das wäre keine Kreativität sondern genauso hirnlos wie Malen nach Zahlen, eine sklavische Unterordnung wie sie nur Frauen zustande bringen…

Muss ich mir auch Sorgen um meine Selbstständigkeit machen wenn ich dem GPS folge? Oder wenn ich ein Handbuch lese um meine Kamera zu bedienen? Konventionen und Regeln auch mal zu hinterfragen – schön und gut, da bin ich gern mit dabei! Aber manchmal eben der Anleitung, Weisheit, dem Rat von jemandem zu folgen der schonmal hinterfragt und ausprobiert hat, das nenne ich den einzigen Weg zur Weiterentwicklung. Wenn ich demnächst einmal pro Minute die Nudeln probiere, weil ich keiner Packungsanleitung mehr folge, dann weist mich doch bitte ein.

Dabei fällt mir nur dieser alte Werbespot von Mercedes ein: Männer… vielleicht liegt der Fehler ja bei manchen von ihnen und ihrer Unbelehrbarkeit? 🙂

In Norwegen jedenfalls schlägt das Thema gerade Wellen, in den klassischen und neuen Medien wird heftig diskutiert. Wie sind denn eure Meinungen dazu?

 

 

Veröffentlicht am 1 Kommentar

Skandinavischer Stricksamstag #2

Hei og god dag!

In dieser Rubrik möchte ich euch Einblicke in die “Strickszene” im Norden geben, euch Bücher, Blogs und Instagrammer, Tricks und Trends aus den Gefilden meiner zweiten Heimat vorstellen.

Was mich dazu beruft? Nun, mir wurde eine doppelte Staatsbürgerschaft in die Wiege gelegt (NO / DE), ich habe in Schweden und Norwegen gelebt (spreche und lese beide Landessprachen), habe eine “Leihfamilie” in Schweden, und verbringe gerne Zeit bei ihnen und in den Wäldern um unser Ferienhaus in Skåne/SE.

Die Tyske Bryggen habe ich fotografiert als ich noch in Bergen gewohnt habe

Ob nun die langen Winter mehr Zeit zum stricken lassen, die Tradition tiefer verwurzelt ist, oder ob wir einem Trend hinterhereiern, hoch im Norden gibt es stricktechnisch sooooooo viel zu entdecken! Und auf meine Entdeckungsreise nehme ich euch gerne mit.

Tiny Humans II

Wie letzte Woche angekündigt geht es diesmal wieder um skandinavisches Strick für Mini-Menschen. Ein einzelner Blogbeitrag zu diesem Thema wäre einfach zu lang geworden. Weiter geht’s:

Im Moment bin ich ja fokussiert auf die wirklich noch ganz kleinen Kinder, es soll ein Geschenk zur Geburt werden. Nach etlichen norwegischen Designs in der letzten Woche gibt es jetzt einen kleinen Ausflug nach Dänemark. Knitting for Olive ist ein Familienbetrieb aus Kopenhagen, und wie der Name andeutet: die Anleitungen sind fast ausschließlich eher für Mädchen. Im Moment schlägt mein Herz für den relativ neutralen Olive’s Jumpsuit (das Baby hält sich noch etwas bedeckt). Die Anleitungen von Knitting for Olive sind auf Dänisch, aber zumindest gucken sollte man 🙂

Auch sehr mädchenorientiert und dänisch ist das Label Little Edith’s Knit. Die Anleitung für den Little Mary’s Jumpsuit gibt es auch schon auf Englisch, wobei es mich tendenziell eher zum  Little Edith’s Romper hinzieht. Als kleine Randnotiz: Haben sich Krägelchen in Deutschland eigentlich auch schon so durchgesetzt wie im Norden? Finde ich ja irgendwie auch total niedlich.

Deutlich gender-neutraler sind die Entwürfe von Tiddelibom (übrigens auch wieder eine Norwegerin). Ein Nyfødt Romper (Neugeborenen Strampler) könnte doch wirklich Junge oder Mädchen stehen, oder? Für Tiddelibom Anleitungen müsst ihr allerdings wieder norwegische Strickvokabeln lernen.

Zumindest teilweise auf Englisch gibt es Anleitungen von KlompeLompe, außerdem kann man auch einige fertige Stücke kaufen – wenn’s doch mal schnell gehen muss 😉

Vielleicht muss ich wirklich anfangen Anleitungen zu übersetzen, kann ja nicht sein dass nur die kleinen Nordmännchen so putzig rumlaufen.

Veröffentlicht am 2 Kommentare

Skandinavischer Stricksamstag #1

Hei og god dag!

In dieser Rubrik möchte ich euch Einblicke in die “Strickszene” im Norden geben, euch Bücher, Blogs und Instagrammer, Tricks und Trends aus den Gefilden meiner zweiten Heimat vorstellen.

Was mich dazu beruft? Nun, mir wurde eine doppelte Staatsbürgerschaft in die Wiege gelegt (NO / DE), ich habe in Schweden und Norwegen gelebt (spreche und lese beide Landessprachen), habe eine “Leihfamilie” in Schweden, und verbringe gerne Zeit bei ihnen und in den Wäldern um unser Ferienhaus in Skåne/SE.

oslo
  Dieses tolle Bild hat Kathrin gemacht als wir im Dezember in Oslo waren. Merci!

Ob nun die langen Winter mehr Zeit zum stricken lassen, die Tradition tiefer verwurzelt ist, oder ob wir einem Trend hinterhereiern, hoch im Norden gibt es stricktechnisch sooooooo viel zu entdecken! Und auf meine Entdeckungsreise nehme ich euch gerne mit.

Den Anfang machen die kleinen Menschen

Für “Tiny humans”, wie Kinder bei Grey’s Anatomy immer heissen, macht das stricken ja immer besonders Spaß. Es darf bunt sein, es geht schnell, und die Lütten sehen eigentlich immer putzig aus. Skandinavier sind kinderliebe – und ja: fortpflanzungsfreudige – Völkchen, und außerhalb von Berlin Prenzlauer Berg gibt es kaum so viel Angebot für Kindermode (!!) wie im Norden. Das macht auch vorm Stricken nicht halt.

Da gibt es “Ministrikk” von Charlott Pettersen, die selbst Mutter von zwei Jungs ist – also quasi vom Fach. Zum Teil sind die Modelle wahrscheinlich nicht alltagstauglich (der Matroskjole zum Beispiel), aber für Familienfeiern oder für den Termin beim Fotografen? Das Hentesett steht auf jeden Fall in der engeren Auswahl für ein Geschenk für meine schwangere Freundin.

Seit dieser Woche gibt es die Ministrick Anleitungen auch auf Englisch zu kaufen, vielleicht ist ja auch für euch was dabei. Charlott hat auch zwei Strickbücher geschrieben, die stelle ich euch noch vor.

Eine größere Auswahl an Mustern gibt es bei Paelas, bisher aber hautpsächlich nur auf Norwegisch. Und im Großteil der Sachen kann ich mir sogar ein spielendes Kind vorstellen. Vielleicht kenne ich nur besonders wilde Kinder, aber bei einigen Teilen würde ich das Spielen in Gebüschen verbieten 😉 Die Omslagsbukse könnte aber auf jeden Fall demnächst auf meinen Nadeln landen.

Ob es an den gedeckten Farben liegt, oder ob Marte Helgetun auch so wilde Rangen kennt wie ich, ihre Designs würde ich sogar einem Grundschüler anziehen, auf die Gefahr hin dass beim Fangenspiel mal dran gezogen wird. Sie sehen erstmal robust aus ohne an Charme zu verlieren. Ich persönlich würde die Farben (glaube ich) kräftiger einsetzen, aber der Sjarmørgenser (de: Charmeurpulli) sieht doch wirklich charmant aus! Das dauert aber noch ein bisschen, erstmal käme bei mir  der Heldress med bestefarknepping (Strampler mit Opaknöpfung) in Frage.

Dass ich Pinneguri aka Ann Myhre total toll finde, dürfte dem aufmerksamen Leser kein Geheimnis mehr sein. Ihr Thistle Shawl war mein erstes Projekt mit Fair Isle Technik und Steek, von ihr habe ich also einiges gerlernt! Und irgendwann werde ich die Zeit finden und eine ihrer Babydecken stricken. Vielleicht sogar in groß, so eher für mich 😉 Wahrscheinlich den Hvit Vinter Vognteppe. Und für familieninternen Nachwuchs müsste vermutlich aus lokalpratriotischen Gründen die Strickjacke Bergen, Baby herangestrickt werden.

Ann ist übrigens auch Mitbegründerin des Vottelauget, der “Handschuhmannschaft”, und deren Buch mit Handschuhmustern steht auch schon für eine der nächsten Wochen hier bereit.

Aber auch Kinder im hohen Norden gehen mal raus, gerade sie spielen viel in der Natur, und wenn sich auch mal ein Stock durch den Strickpulli bohren darf, ohne dass man direkt Schnappatmung bekommt, dann bei den Entwürfen von Pickles. Heidi und Anna haben sich offenbar an den Bedürfnissen ihrer eigenen Kinder orientiert, und herausgekommen sind warme, bunte, fröhliche Kindersachen aus Wolle. Diese Sachen erinnern mich am ehesten an meine eigene Kindheit. Die Anleitungen gibt es durch die Bank auch auf englisch (dann allerdings mit inch-Maßen…, also die norwegische daneben legen für die cm Angaben).

Die werdende Mutter muss – glaube ich – noch den Wäscheberg eines Kindes kennenlernen, bevor ihr Herz nach belastbaren Klamotten ruft, aber so in zwei, drei Jahren sehe ich dann mal weiter.

—to be continued—

Da ich auf der Suche nach Babystrick auf so viele tolle nordische Designer gestoßen bin, geht es nächste Woche noch einmal um tiny humans.