In den letzten Wochen ist da Thema #metoo in aller Munde. Leider, aber auch endlich.

Auch ich habe umfangreiche eigene Erfahrungen mit übergriffigen und handgreiflichen Männern.

Jeder einzelne Vorfall hat mich geärgert und verletzt.

Als mir in Rom einmal ein vorbeigehender Mann vollkommen ungehemmt zwischen die Beine gegriffen hat habe ich vor Wut die ganze Straße zusammengebrüllt. Dass ich so viele italienische Schimpfwörter kenne war mir vorher gar nicht klar.

Aber diese plumpen, offenen Respektlosigkeiten lasse ich so wenig wie möglich an mich ran. Dumme, dumme Männer, sage ich mir (wobei es in einem Fall sogar eine Frau gewagt hat).

Viel schwieriger finde ich die Einordnung von weniger offensichtlichem Sexismus. Wenn mein “Frau-Sein” mein Gegenüber in seinem/ihrem Verhalten beeinflusst und ich anders behandelt werde als ein Mann (trotz meiner Super Schnurrbart Tarnung!)

Wikipedia liefert diese hilfreiche Definition:
Grundlage von Sexismus sind sozial geteilte, implizite Geschlechtertheorien bzw. Geschlechtsvorurteile, die von einem ungleichen sozialen Status von Frauen und Männern ausgehen und sich in Geschlechterstereotypen, Affekten und Verhaltensweisen zeigen”

Gut gemeinter Sexismus begegnet mir täglich. Wenn mir Männer sagen dass sie gern wieder Wollsocken wie von Oma hätten, aber als Mann stricken lernen…geht gar nicht.

Oh Mann!

Aber auch in meinem anderen Job zum Beispiel – ich arbeite, abgesehen von der Office Managerin, nur mit Männern.

Meine “weibliche Sicht” auf Themen ist dabei gern gesehen, wobei ich behaupte dass meine “weibliche Sicht” hauptsächlich eine “ökonomische Betrachtung” inmitten von “technischen Aspekten” ist, denn meine Kollegen kommen alle aus nicht-wirtschaftlichen Fachrichtungen. Ein Mann mit meinem Hintergrund würde aber vermutlich gar nicht so anders auf Probleme zugehen als ich. Naja, vielleicht ist mein Fokus auf Gestaltung und Kommunikation etwas ausgeprägter als bei anderen Ökonomen, aber ich habe gehört manche Männer sollen dazu auch in der Lage sein 🙂

Ein Kollege fragte vor kurzem – von der öffentlichen Debatte sensibilisiert – ob ich mich zwischen den Männern unwohl fühlen würde. Ganz und gar nicht.

Etwas geschluckt habe ich nur damals bei der Vorstellungsrunde im Büro, als ich den Männern als die “schöne Sophia” vorgestellt wurde. Mir ging bei jedem Kollegen durch den Kopf, ob er wohl als der “muskulöse Michael”, der “trainierte Thomas” und der “wohlgeformte Wladimir” vorgestellt wurden, habe mir aber den Kommentar verkniffen. Mit Sicherheit unbewusst und gutgemeint kam hier der Fokus aufs Geschlecht von weiblicher Seite. Ich gehe davon aus, dass die Kollegen in der Zwischenzeit andere Adjektive mit mir verknüpfen, und wie gesagt: böse gemeint war das sicher nicht*.

Trotzdem ist es bedrückend, dass es so außergewöhnlich ist, was mir diesen Monat passiert ist:

Gleich zwei beeindruckende Männer sind in mein Leben getreten. 

Beeindruckend, weil ich mit beiden jeweils lange Termine und Gespräche hatte, und in keinem Moment auch nur das Gefühl hatte als Frau wahrgenommen zu werden. Das klingt vielleicht auf den ersten Blick nicht erstrebenswert, denn wie viel Anstrengungen unternehmen wir Frauen eben doch um hübsch und weiblich zu wirken.

In beiden Fällen wurde angeregt diskutiert und neben den direkten fachlichen Themen kamen wir jeweils auch auf politisches, privates und familiäres zu sprechen. Ob einer der beiden meine Augenfarbe weiß? Ich wage das zu bezweifeln. Aber meinen Standpunkt zur medialen Debatte um Trump, meine Einschätzung zur Entwicklung des deutschen eCommerce, oder welches Buch ich sehr hilfreich fand, ich glaube das ist im Gedächtnis geblieben.

Diese beiden Männer sind – komplett unabhängig voneinander – mein Lichtblick des Novembers.

Dass sich jemand, der mir so viel beibringen kann, ernsthaft mit dem Gesagten auseinander setzt, mit Spaß und Gelächter stundenlang Ideen wälzt, und mir auch soviel beibringen möchte, das kommt selten ohne Hintergedanken des Weges. (Beide erzählen mit strahlenden Augen von ihren jeweils langjährigen Beziehungen, ich schließe Hintergedanken komplett aus.)

Die Leidenschaft und die Hingabe, die beide in ihre Berufe stecken hat mich diesen Monat so unglaublich inspiriert. Die schiere Menge an Fachwissen, aber auch die Fähigkeit andere daran teilhaben zu lassen, sowie die Offenheit andere Standpunkte in das eigene Gedankenkonstrukt aufzunehmen, hat mich tief beeindruckt. Und dass ich durch puren Zufall in einem Monat direkt zwei solche tollen Menschen gefunden habe macht Hoffnung auf noch mehr Verrückte, Überzeugungstäter, Genies und Nicht-Sexisten da draußen.

WOW! Ich freue mich so darauf das gelernte umzusetzen, noch mehr Ideen zu entwickeln, und etwas von dieser lebendigen Lebenshaltung auf mich abfärben zu lassen.

Aber zuerst muss ich jetzt meinen Vottekalender noch gerade eben rechtzeitig an die Wand bringen, und wünsche dir eine schöne Vorweihnachtszeit. Morgen kommt von mir dann wieder ein Strickthema, aber an meinem #memalsogarnicht November wollte ich dich teilhaben lassen.

* Ich nenne das “positiven Sexismus”, in Anlehnung an “positive discrimination” gegen/für Schwarze in den USA. Übrigens habe ich schon mit einigen Skandinaviern die Diskussion über “positiven Rassismus” uns gegenüber geführt. Es ist nämlich wirklich unterhaltsam, wenn uns aufgrund der nordischen Herkunft die positivsten Eigenschaften unterstellt werden, oder ich zum Beispiel aus der Verkehrskontrolle (Führerschein daheim vergessen) mit einem freundlichen “Ach wirklich? Norwegen ist ja so ein schönes Land, meine Frau und ich fahren seit Jahren immer gerne hin, in die Gegend um Stavanger, so schön! Na dann wünsche ich Ihnen noch eine gute Fahrt, oder god reise, haha!” herauskomme. Ohne den komischen Nachnamen hätte ich für die Ordnungswidrigkeit ein Bußgeld bekommen… Also ich will mich echt nicht beschweren, aber da ich weiß wie gern meine Landsleute trinken hätte ich mich ja mindestens pusten lassen 🙂