Oder: mein Haus

Genauer gesagt ist es ja inzwischen schon mein Ex-Haus, aber trotzdem ist heute der perfekte Moment um es dir mal zu zeigen. Denn heute ist eine Home-Story über mich und mein Haus in der Lisa Wohnen (5/2018) erschienen, und wie das so ist… über so ein Haus kann man viel mehr erzählen als auf ein paar Seiten Bildreportage passt. (Wobei schon echt viel Information eingebaut wurde, die Redakteurinnen, das Fototeam und ich hatten viel Spaß beim fotografieren und texten)

Einblick in die Home Story in der Lisa Wohnen/ Burda Verlag

Eigentlich fing die Geschichte von mir und meinem Haus ja überhaupt nicht gut an. Man schrieb das Jahr 2013, ungefähr ein Jahr nach meinem Unfall. Ich war noch immer auf Krücken und schweren Betäubungsmitteln, und die Prognose war nicht gut. Die Ärzte gingen davon aus, dass ich nicht wieder voll hergestellt würde. Meine Familie hatte mich aus meiner damaligen Wahl-Heimat Berlin nach Münster geholt.

Nun bin ich aber immer sehr eigenständig gewesen, war bis zum Unfall ungefähr ein Dutzend mal innerhalb und außerhalb Deutschlands umgezogen. Auf einmal wieder im Elternhaus, dazu noch außer Stande mal selbst und alleine etwas unternehmen zu können, das war für mich eine komplette Umstellung.

Eine langfristige Lösung war das nicht, das war von vornherein klar. Und dann erzählte ein befreundeter Architekt meiner Mutter von einem Objekt, einem großen Hof im Außenbereich, toll gelegen, aber zu groß für ihn und seine Familie, man müsse das ganze in eine Art Reihenhausanlage für mehrere Familien unterteilen.

Sie fuhr hin, ohne mir etwas davon zu erzählen, hörte sich seine Vision an, und sagte ihm: Wir machen mit, so kann Sophia in einem Teil ihre eigenen vier Wände haben, aber wenn nötig ist immer jemand da um ihr zu helfen. Das war irgendwann im Spätsommer 2013. Einige Wochen später wurde der Kaufvertrag besiegelt, da hatte ich mein zukünftiges Zuhause noch nicht gesehen… zum Glück!

Die ersten Zweifel kamen mir nämlich im Notartermin. Ob wir uns alle im Klaren wären, was wir da kauften? Ein Haus im Außenbereich, abbruchreif und einsturzgefährdet (!), wenn jedoch im Zuge der Baumaßnahmen eine Wand zusammenbreche, dann würden wir keine Neugenehmigung bekommen, wir würden hier potentiell eine sehr teure Ziegenweide kaufen…

Ich habe damals nur verwirrt geschluckt und hilfesuchend um mich geguckt. Waren das die Medikamente? Die angekündigten Nebenwirkungen? Wie konnten alle anderen so ruhig diese Warnung anhören, und was wurde hier eigentlich gespielt? Ich beschloss dass ich eh nichts mehr zu verlieren hätte, und wenn die Bank denn dieses Vorhaben finanzieren würde, dann könnte es nun so furchtbar auch nicht sein. Der Notar war sicher ein kompletter Neurotiker. Ich unterschrieb.

Stand April 2014 – also schon vier Monate nach Bau-/Rückbaubeginn

Und Weihnachten 2014 sah ich es dann. Und auf einmal erschien mir nicht mehr der Notar verrückt, sondern jeder meiner Mitstreiter. Der “Hof” war eine runtergekommene, vollkommen zugemüllte Ruine. Der Eingang ging durch eine (zum Glück verlassene) Vogelvoliere, hinein in ein unvorstellbares Chaos.

Aber gekauft ist gekauft, und ich zwang mich zu tapferen Worten zum Architekten: “Toll was du so für eine Vorstellungskraft hast, dass du direkt das Potential erkennst!” (vor meinem inneren Auge sah ich inzwischen glasklar die Ziegen grasen.) Und er erklärte frohen Mutes, dass wir den nächsten Weihnachtskakao schon in einer Küche trinken würden. Ich war nicht sicher wer von uns beiden unter Drogen stand.

(Leider habe ich erst vier Monate später angefangen Fotos der Baustelle zu machen, das komplette Ausmaß VOR Beseitigung der schlimmsten Dinge musst du dir also leider ausmalen.)

Der Architekt hat übrigens Recht behalten.

2014 war das Jahr des Baus. Erst des Rückbaus (euphemistisch für Teilabriss und komplette Entrümpelung), dann des Wiederaufbaus. Zuerst wurden die Reste der Außenmauern abgestützt.

Dann wurden innerhalb den neu unterteilten Einheiten jeweils eigene Häuser gebaut, also zumindest grob gesagt. Ich habe das Haus daher immer die Thermoskanne genannt, denn de facto gab es am Ende zwei Wände und einen Hohlraum.

Ganz zum Schluß wurden nämlich die Außenmauern hingebungsvoll und fachmännisch nach alten Methoden wieder drum herum gebaut – und das ist bei Fachwerk gar nicht soooooo einfach.

Und pünktlich zu Weihnachten 2014 hatten wir die Bauabnahme in der Hand und konnten einziehen. Ja wir mussten durch knietiefen Matsch waten um zum Haus zu kommen (die vielen Baumaschinen hatten ihre Spuren hinterlassen), aber den Kakao haben wir mit einer Art Triumphgefühl inmitten von Farbeimern und halbfertigen Möbeln getrunken. Und ich meine mich zu erinnern dass es beim Architekten sogar einen Baum gab.

Der Schlamm Weihnachten 2014

Auf jeden Fall gab es für mich sogar einen Glühwein, denn entgegen aller Erwartungen war ich wieder auf beiden Beinen und sogar nach dem langwierigen Schmerzmittelentzug hatte ich nur noch erträgliche Schmerzen und durfte wieder Alkohol trinken. Inzwischen waren die Ärzte sogar vorsichtig positiv dass ich dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen hätte und die eigentlich unheilbare Krankheit besiegt haben könnte.

Ein komisches Gefühl, kaum eingezogen, und voll Hoffnung dass man vielleicht sogar wieder ausziehen könnte.

Aber die Ärzte sagten immer wieder dass ich mich bitte schonen sollte, Stress vermeiden, mich bloß nicht unter Druck setzen, und vor allem die bisherigen Fortschritte nicht mit übereilter Rückkehr ins alte Leben riskieren sollte. Also habe ich mich “niedergelassen”.

Habe das Haus eingerichtet und dekoriert, gestrickt und meinen Shop aufgebaut. Habe so gut ich es konnte einen Garten angelegt (von Grund auf, ich erwähnte den Matsch? Der enthielt auch jede Menge Schutt.). Und parallel angefangen mir wieder mein altes Leben zurückzuerobern.

Ohne Medikamente durfte ich auch wieder Auto fahren, also besuchte ich meine liebsten Menschen in der alten Wahlheimat und gewann neue liebste Menschen dazu. Darunter auch viele Strickmenschen wie Marisa, Carina und Katha (und viele mehr!!!).

Ich fing einen neuen Job an (der sich zum Glück meistens mit meiner Verordnung “kein Stress, auch mal Pausen machen” vereinbaren lässt). Und es kam kein Rückfall. Das Fitbit vermeldet regelmäßig dass ich wirklich viel laufe, und dank inzwischen guter Freundschaft mit der Physiotherapeutin meines Vertrauens kriege ich bei Zipperlein SMS mit Soforthilfe zur Selbsthilfe oder auch mal einen Termin zur professionellen Wieder-Beibiegung.


Ziemlich genau vor einem Jahr habe ich daher dem Makler Bescheid gesagt: Es ist soweit. Genug niedergelassen. Ich mache ernst. Aber vorher lasse ich hier noch das Team von Angelika Dietzmann durchs Haus wirbeln, die möchten gerne eine Home Story machen, das ist doch ein schöner Abschluss für meine Zeit hier.

Und genau jetzt, wo diese Home Story veröffentlich ist, steht seit einer Woche fest: Wir ziehen wieder um! Mitten nach Berlin! Denn so ganz ohne Renovierungsprojekt war mir jetzt fast ein wenig langweilig 😉

Ach ja: natürlich bin ich mir bewusst was für ein Schweineglück ich gehabt habe. Nicht nur gesundheitlich, sondern auch sonst. Dass meine Mutter ohne zu Zögern aufs Land gezogen ist um im Notfall für mich da zu sein, das ist natürlich nicht selbstverständlich. Und dass sie mich nicht in Watte gepackt hat. Und dass sie mich einfach nicht gefragt hat ob ich diese Ruine aufbauen wollte. Denn ich hätte nein gesagt, und hätte dieses verrückte Abenteuer auf dem Land verpasst.

Wenn du neugierig auf das Endergebnis des “Landsitzes” bist, dann gibt es tolle Bilder und mehr Story dazu in der aktuellen “Lisa Wohnen 05/2018”.